Lernkultur

Die Demokratische Schule X beabsichtigt, die genannten lerntheoretischen Erkenntnisse in der Lernkultur der Schule umzusetzen. Für den Schulalltag bedeutet das Folgendes:

6.1 Austausch und Verständigung

Die Demokratische Schule X soll für die Schüler zu einem vertrauten Ort und zu einem Ort des Vertrauens und der persönlichen Begegnung werden. Schülern soll ausreichend Gelegenheit gegeben werden, in Kontakt mit den an der Schule anwesenden Personen zu treten und sich mitzuteilen.

Einen besonderen Stellenwert hat hierbei das persönliche, informelle Gespräch – zu zweit oder in kleinen Gruppen. Weil Kommunikation immer sowohl Beziehungs- als auch Inhaltsaspekte beinhaltet, setzt gegenseitige Verständigung voraus, dass auch Beziehungsaspekte berücksichtigt werden. Inhaltsaspekte können umso besser verstanden werden, je positiver die Beziehung der Gesprächspartner ist.1 Um eine positive Gesprächsatmosphäre herzustellen, ist es wichtig, dass die Gesprächsteilnehmer Rückmeldungen zu nonverbalen Signalen der Kommunikation geben können. Der größte Teil von Beziehungsbotschaften wird auf nonverbaler Ebene ausgetauscht. Daher stellt das persönliche, informelle Gespräch die günstigste Möglichkeit dar, um auf Beziehungsbotschaften einzugehen und Missverständnisse unmittelbar aus dem Weg zu räumen.

Auch zu inhaltlichen Aspekten sind in persönlichen Gesprächen bei Bedarf spontane Nachfragen möglich, die in einer größeren Gruppe als störend empfunden würden. Zudem ist es möglich, auf Verständnisschwierigkeiten einzugehen und Sachverhalte auf unterschiedliche Weise zu wiederholen. Der spontane Gesprächsverlauf bei informellen Gesprächen kann zur Auseinandersetzung mit neuen Themen führen und gegebenenfalls mögliche neue Interessengebiete eröffnen. Wenn Schüler in persönliche Beziehung zueinander treten können, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Interesse an Dingen finden, für die sich andere interessieren.

6.2 Verfügbarkeit von Informationen

An der Demokratischen Schule X ist auch die Verfügbarkeit und Transparenz von Informationen für die ganze Schulgemeinschaft besonders wichtig. Aushänge an Informationstafeln geben Auskunft über Lernmöglichkeiten und Organisatorisches. Zu Dingen, die das gemeinsame Lernen betreffen, zählen Lernvereinbarungen, Unterrichtskurse und sonstige Veranstaltungshinweise, z. B. auf außerschulische Lernorte. Die Informationstafeln haben damit unter anderem die Funktion einer „Lernbörse“, über die jeder auf seine persönlichen Interessen aufmerksam machen, Lernangebote und Lerngesuche veröffentlichen und Mitlerner oder Experten finden kann. Dabei können sowohl Schüler als auch Erwachsene Experten sein.

Informationstafeln informieren auch über die Belange der Schulversammlung und des Justizkomitees. Termine, Anträge und Protokolle werden durch Aushang für alle jederzeit einsehbar gemacht.

6.3 Computer und Internet

Wir sind uns bewusst, dass viele neuartige Medien, darunter insbesondere der Computer mit einem schnellen Internet-Zugang, aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind und immer mehr Bereiche des schulischen und später des Berufslebens durchdringen. Wir legen Wert darauf, sich ausgiebig und kritisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Da der Computer kein unangefochtenes Medium ist, ist es für uns wichtig, unsere Beziehung zur Informationstechnik verantwortungsvoll zu gestalten. Ein Weg ist, das kooperative Moment dieser Technik auszubauen. Schüler und Mitarbeiter können sich gegenseitig bei Anwendungsprogrammen oder bei der Suche nach Informationen unterstützen. In einer Umgebung, in der der Computer eine Anregung unter vielen ist, ist es fast ausgeschlossen, dass Kinder oder Mitarbeiter sich vor dem Computer in einer anderen Realität verlieren.

Jedoch überwiegen unter anderem folgende Vorteile:

Erstens: Oft sind die neuesten Erkenntnisse, ehe sie in einem Buch veröffentlicht werden, schon im Internet abrufbar. Man kann fast jedes Wissensgebiet erkunden.

Zweitens: Darüber hinaus können sich Kinder mit gleichen Interessen auf einer Internet-Plattform treffen und – sogar über Ländergrenzen hinweg – austauschen und gemeinsam forschen. Durch die Interaktivität des Mediums kommen außerdem vielfältigste Möglichkeiten hinzu.

Drittens: Man kann wählen, wie tief man in die Materie eindringen will. Möchte man vom Wissen hochrangiger Experten profitieren oder wünscht man eher Informationen auf einem allgemeinverständlichen Niveau? Alle Lehrer der Welt, wie gut ausgebildet sie auch sein mögen, können nicht in der Kürze der Zeit alle Gebiete abdecken, zu denen Schüler Fragen haben.

Viertens: Das Medium kennt keine Vorurteile von Alter, Geschlecht, Aussehen, sozialer Herkunft und formaler Qualifikation.

Wie lehrt man den Umgang mit dem Internet? Kann man ihn überhaupt lehren? Indische Forscher haben in einem Experiment Kindern – fast ausnahmslos Analphabeten – Computer mit schneller Internetverbindung zugänglich gemacht und waren selbst davon überrascht, wie schnell sich die Kinder quasi aus dem Stand durch Probieren, Explorieren und gegenseitige Instruktion das neue Werkzeug zu eigen gemacht haben. Dieses von Sugata Mitra dabei entwickelte Konzept der „Minimally Invasive Education“ zeigt sich in einigen Punkten mit unseren lerntheoretischen Überlegungen verwandt, wonach die aktive Rolle des Lerners und die Eigenmotivation im Vordergrund stehen.

Uns geht es nicht in erster Linie um spezielle, standardisierte Lernprogramme. Nachdem die Schüler erst einmal begriffen haben, welche Vielfalt an Möglichkeiten ihnen mit dieser Technologie zuwächst, wirken solche Programme erfahrungsgemäß eher demotivierend. Die Palette der Anwendungen ist weit gefächert:

- von der Nutzung als Schreibmaschine bis hin zur Arbeit mit einer umfangreiche Möglichkeiten bietenden Textverarbeitung oder einem Desktop-Publishing-Programm;
- vom Archivieren von Fotos bis zum Einsatz anspruchsvoller Fotobearbeitungs- oder Zeichenprogramme;
- vom Aufnehmen eigener Filme oder Musik bis hin zur Bearbeitung von (eigenen) Musikdateien oder Videoclips zu fertigen „Werken“;
- vom Gestalten einer Website nach dem Baukastenprinzip bis hin zum Programmieren eigener Internetauftritte.

6.4 Mentoren

An der Demokratische Schule X besteht ein Mentorensystem. Jeder Schüler wählt sich unter den Mitarbeitern einen Mentor. Dieser Mentor begleitet in Zusammenarbeit mit den Fachlehrern die individuellen Lernwege und Lernprozesse. Mentoren und ihre Schüler treffen sich regelmäßig. Die Schüler haben somit feste Bezugspersonen, an die sie sich mit ihren persönlichen Belangen wenden können. Mentoren können beispielsweise behilflich dabei sein, den Kontakt zu anderen Personen an der Schule herzustellen, wenn dies einzelnen Schülern schwer fällt.

Ein regelmäßiger Austausch zwischen Schüler, Mentor und fachspezifischen Lernbegleitern ist von zentraler Bedeutung für die Begleitung der individuellen Lernprozesse und dient nicht zuletzt dazu, Lernziele und deren Verwirklichung zu besprechen. Insbesondere zur Vorbereitung auf den Mittleren Schulabschluss und den Übergang auf weiterführende Schulen dienen Beratungs- und Perspektivgespräche auch dazu, anhand von Kompetenzrastern bzw. Rahmenlehrplänen erworbene und zu erwerbende Sachkompetenzen zu thematisieren.

Die Aufgabe der Mentoren und Lernbegleiter ist es dabei,

  • den Schüler bei der Zielsetzung und beim Zeitmanagement zu unterstützen,
  • gemeinsam mit dem Schüler Zielvorstellungen zu aktualisieren und hinsichtlich des Bildungsgangs zu ergänzen,
  • den Schüler auf Sachkompetenzen und Lerninhalte hinzuweisen, die zum Erreichen des Bildungsgangs noch erworben werden müssen und hierfür einen Ablaufplan zu zu entwickeln.

    6.5 Lernvereinbarungen und Unterrichtskurse

    Entsprechend der lerntheoretischen Erkenntnisse will die Demokratische Schule X selbstgesteuertes und selbstreguliertes Lernen ermöglichen. Dieses bedeutet in der Schulpraxis, dass Lernvereinbarungen oder Unterrichtskurse3 auf Wunsch und aufgrund von Interessen und Lernabsichten der Schüler zustande kommen. Schüler und Lehrer vereinbaren gemeinsam, was gelernt wird, auf welche Weise gelernt wird, wann, wie oft und wo gelernt wird. Lernvereinbarungen und selbstorganisierte Unterrichtskurse ermöglichen ein hohes Maß an Partizipation und Vertretung eigener Interessen. Gleichzeitig verlangen sie von Schülern und Lehrern verantwortungsbewusstes, respektvolles Verhalten und das Einhalten verbindlicher Abmachungen.

    Erfahrungen des Konzepts „Offener Unterricht“ von Peschel lassen Aussagen über die Qualität des selbstgesteuerten und selbstregulierten Lernens von Schülern zu. Peschel belegt anhand empirischer Untersuchungen und wissenschaftlicher Evaluation, dass ein hohes Maß an Partizipation im Lernprozess maßgeblich zu guten Lernergebnissen beiträgt. Die Untersuchungen umfassen alle gängigen Grundschulfächer und zeigen außerdem, dass Selbststeuerung und Selbstregulierung des Lernprozesses auch bei Schülern, bei denen Lernschwierigkeiten diagnostiziert wurden, zu besseren Lernergebnissen führt.4

    An der Demokratischen Schule X werden in Lernvereinbarungen und Unterrichtskursen geeignete Techniken und Methoden angewendet, die die Qualität des Lernens fördern. Techniken und Methoden orientieren sich dabei an der Prämisse selbstgesteuerten und selbstregulierten Lernens der Schüler.

    In Lernvereinbarungen und Unterrichtskursen an der Demokratischen Schule X stehen im Gegensatz zum klassischen fragend-entwickelnden-Unterricht nicht die Fragen von Lehrenden im Vordergrund, die die Lernenden auf eine vorbestimmte „Fährte“ bringen sollen. Es geht vielmehr darum, die individuellen Fragen der Schüler zum Ausgangspunkt des gemeinsamen Lernens werden zu lassen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass durch selbstbestimmtes kooperatives Arbeiten jeder Einzelne zu für ihn relevanten Antworten oder Lösungen kommt.
    Eine mögliche Methode für zielgerichtetes kooperatives Lernen ist das sogenannte Gruppenpuzzle.5 In kooperativen Arbeitsprozessen wird auf die Umsetzung einer Diskussions- und Gesprächskultur mit ausgewogenen Redeanteilen und gleichberechtigtem Umgang geachtet.

    Impulsreferate eignen sich zur Vorbereitung auf eine vertiefte inhaltliche Diskussion in einer Lerngruppe. Sie fassen zentrale Informationen und gegebenenfalls kontroverse Positionen zu einem Themenkomplex kurz und prägnant zusammen und bieten einen guten Ausgangspunkt, um Inhalte unter Berücksichtigung verschiedener Perspektiven näher zu untersuchen.

    Klassische Referate und Vorträge bieten sich an, um Ergebnisse von Lernprozessen zu resümieren und die gewonnenen Erkenntnisse an eine interessierte Zuhörerschaft weiterzugeben. In einem Referat oder Vortrag reflektiert der Vortragende den Themenbereich, indem er ihn strukturiert und für die Zuhörerschaft verständlich, abwechslungsreich und interessant gestaltet.

    In Lernvereinbarungen und Unterricht wird auf moderne Ideenfindungs-, Strukturierungs- und Präsentationsmethoden zurückgegriffen. Hierzu zählen Brainstorming, Methode 6356, Cluster-Methode, Mindmap und andere Assoziogramme, Wandzeitungen, Arbeit mit Flipchart, Overhead-Projektor und Bildschirmpräsentationen. Eine gelungene Anwendung der Methoden sorgt für mehr Anschaulichkeit und Verständlichkeit.

    6.6 Informelles Lernen: Neugieriges Sondieren, Spielen und tiefgründiges Lernen

    Neben Lernvereinbarungen und Unterrichtskursen misst die Demokratische Schule X auch informellem Lernen einen hohen Stellenwert zu. Unter informellem Lernen wird im Allgemeinen nicht planmäßig strukturiertes und nicht institutionell geprägtes Lernen verstanden.

    Hierzu zählt neugieriges Sondieren, das teils oberflächlich und ohne spezielle Absicht geschieht, bei dem gestöbert und ausprobiert wird und Informationen aufgeschnappt werden (inzidentelles oder implizites Lernen). Beim neugierigen Sondieren stößt man zufällig auf etwas und möchte mehr darüber wissen. Vielleicht stellt man eine Frage und denkt eine Weile darüber nach. Eine beiläufige Frage sollte jedoch nicht mit einem langen Vortrag beantwortet werden. Die aufgeschnappten Informationen werden Teil eines großen Reservoirs an Wissen. Dass das neugierige Sondieren oberflächlich ist, stellt keinen Mangel dar. Im Gegenteil: Es ist das Wesen dieser Form des Lernens. Es soll weit gestreut sein, weil man so mit vielen verschiedenen Dingen in Berührung kommt.

    Zu informellem Lernen zählt auch freies Spielen. Kinder, die die Möglichkeit dazu haben, verbringen viel Zeit mit Spielen. Menschen, die eine traditionelle Vorstellung von Lernen und Schule haben, beunruhigt das Spielen meist. Dabei hat das Spielen eine erhebliche bildende Wirkung. Es fördert nicht nur die Entwicklung wichtiger motorischer, emotionaler und sozialer Fähigkeiten sondern auch die für das Problemlösen bedeutsame Kreativität und Fantasie. Letztendlich ist Spielen eine Übung im Problemlösen. Spielen ist durch ein großes Maß an Kreativität gekennzeichnet. Durch Spielen erzeugen Menschen kreative Ergebnisse. Im Spiel kann man neue Situationen ausprobieren, sich mit ihnen vertraut machen und Lösungen für sie erschaffen. Kreative Menschen müssen mit Ideen „spielen“. Freies Spielen ist auch eng mit Neugier und somit mit Forschen und Experimentieren verbunden. Wenn man mit einer Sache herumspielt, erforscht man sie.
    Informelles Lernen umfasst des Weiteren tiefgründiges Lernen. Beim tiefgründigen Lernen können die Schüler konzentriert an einer Sache arbeiten und sie vertiefen und müssen nicht alle 45 Minuten ihre Tätigkeit wechseln. Wenn Menschen begierig darauf sind, eine Sache zu lernen, vollbringen sie Höchstleistungen. Sie wollen alles über ein Thema wissen oder eine Fähigkeit möglichst bis zur Perfektion entwickeln. Sie geben sich der Sache vollkommen hin, richten ihre ganze Aufmerksamkeit darauf, sind mit nichts anderem beschäftigt und vergessen fast die Welt um sich herum. Sie sind fest entschlossen, die Sache zu meistern.

    Sie sind Stunden, Tage oder Wochen mit einem Thema befasst und lassen nicht locker, geben auch dann nicht auf, wenn es nicht sofort klappt, sondern versuchen es wieder und wieder, bis sie ihr selbstgestecktes Ziel erreichen.
    Diese Ausdauer kann man beispielsweise beim Erlernen eines Musikinstrumentes erleben. Der starke Wunsch, sein auserwähltes Instrument zu beherrschen, lässt den Lernenden den weiten Weg vom bloßen Geräuscheerzeugen hin zum Wohlklang gehen. Dieser Weg besteht aus vielen Stationen des Probierens, Übens und Vervollkommnens. Immer wieder greift der Lernbegierige zum Instrument und spielt über Missklänge hinweg. So werden aus einzelnen Tönen Tonabfolgen und aus Tonabfolgen schließlich Melodien.

    Wenn man sich für etwas brennend interessiert, will man sich direkt darauf stürzen und sich ein Buch schnappen, einen kompetenten Gesprächspartner suchen oder was auch immer dem Tatendrang angemessen ist. Man will nicht Monate oder gar Jahre lang immer nur kleine Häppchen vorgesetzt bekommen.

    Wenn man einen spannenden Roman hat, der einen wirklich fesselt, will man ihn auch sofort lesen – und nicht etwa jede Woche drei Seiten vorgelesen bekommen.

    Die mit solch tiefgründiger Tätigkeit verbundene Hartnäckigkeit, Ausdauer und Konzentration offenbart eine hohe und ganz natürlich im Menschen liegende Leistungsbereitschaft – diesen Drang gilt es zu fördern und wach zu halten.
    Die Erfahrung anderer Demokratischer Schulen weltweit zeigt, dass sich junge Menschen in einer konsequent freien Lernumgebung nicht nur für Sachen entscheiden, an denen sie Spaß haben oder die ihnen leicht fallen. Sie entscheiden sich oft nicht für den Weg des geringsten Widerstands, sondern tun vielfach Dinge, die ihnen schwerfallen. Sie wollen ihre Fähigkeiten auf die Probe stellen. Schwierigkeiten sehen sie als Herausforderungen, die sie bewältigen wollen. Es verschafft eine tiefe Befriedigung, sich ein anspruchsvolles Ziel zu stecken und es dann tatsächlich auch zu erreichen.
    In der Bildungsdebatte um nachhaltiges und lebenslanges Lernen wird in den vergangenen Jahren besonders auf internationaler Ebene eine stärkere Berücksichtigung informellen Lernens gefordert. Nach Einschätzung von Dohmen kann vorwiegend formalisiertes Lernen, wie es in den verbreiteten Bildungseinrichtungen, das heißt insbesondere der Schule, stattfindet, nicht ausreichend auf die Anforderungen der heutigen Gesellschaft vorbereiten. Da die Demokratische Schule X als Ganztagsschule konzipiert ist und die Schüler einen Großteil ihrer Zeit an der Schule verbringen, soll informelles Lernen wesentlicher Bestandteil der schulischen Lernkultur werden und den aus lerntheoretischer Sicht angemessenen hohen Stellenwert erhalten.

    6.7 Modalitäten des Lernens

    Im Hinblick auf alle an der Schule praktizierten Lernformen beabsichtigt die Demokratische Schule X, aktuelle, für das Lernen vorteilhafte Organisationsformen und Konzepte umzusetzen.

    1. Altersmischung: Schüler finden sich aufgrund eines gemeinsamen Interesses an einer Sache zusammen, auch wenn sie nicht das gleiche Alter haben. Altersmischung trägt zur Sensibilisierung der Schüler für den Umgang mit Verschiedenartigkeit und Andersartigkeit bei. Wenn Altersunterschiede selbstverständlich sind, bestehen günstige Voraussetzungen, dass auch anderen individuellen Unterschieden wie Herkunft, Religion oder Größe mit Toleranz begegnet wird. Altersgemischte Gruppen haben auch den Vorteil, dass erfahrenere Schüler ihr Wissen und Können unter Beweis stellen und praktisch anwenden können, indem sie anderen Schülern Hilfestellung leisten. Oft ist es leichter, von einem anderen Schüler zu lernen als von einem erwachsenen Lehrer, weil die Erklärungen oft einfacher und verständlicher sind. Aber auch für den Schüler, der dem anderen etwas erklärt, hat das einen Nutzen: Beim Erklären merkt er, ob er selbst es wirklich verstanden hat. Dies stellt eine reale Prüfungssituation dar. Wenn Jüngere Älteren etwas erklären, machen sie die wertvolle Erfahrung, dass Wissen und Können nicht immer altersabhängig ist und dass alle Kinder und Jugendlichen altersunabhängig besondere Stärken haben.

    Internationale Erfahrungen an bestehenden Demokratischen Schulen zeigen, dass sich Schüler mit anderen zusammenfinden, die bis zu zwei Jahre jünger oder älter sind. Sie sind dabei aber nicht auf feste Gruppen wie etwa 1. bis 3. und 4. bis 6. Jahrgangsstufe festgelegt. Ein Schüler in der 4. Jahrgangsstufe ist somit nicht immer einer der jüngsten, sondern kann innerhalb eines Schuljahres sowohl zu jüngeren als auch zu älteren Schülern der jeweiligen Gruppe gehören. Die konkrete Zusammensetzung und das Altersspektrum kann je nach Gruppe eine andere sein.
    Die zunehmende Befürwortung von altersgemischtem Lernen beruht vor allem auf der Möglichkeit, personale und soziale Kompetenzen zu entwickeln.

    Die Befürwortung kann daran abgelesen werden, dass das Berliner Schulgesetz jahrgangsübergreifendes Lernen in der Primarstufe verbindlich eingeführt hat.

    2. Interdisziplinäres Lernen: Die Demokratische Schule X setzt sich dafür ein, dass Schüler interdisziplinär, das heißt in fächerübergreifenden und fächerverbindenden Zusammenhängen und projektorientiert lernen können. Interdisziplinäres Lernen lässt sich aus lerntheoretischer Sicht begründen, da das Gehirn assoziativ und vernetzt arbeitet. Wenn die Lernenden eigene Zusammenhänge zwischen Sachverhalten verschiedener Fachbereiche herstellen können, begünstigt dies die Wissenskonstruktion. Interdisziplinäres Lernen ist wirklichkeitsorientiert. Wichtige Erkenntnisse werden durch die Wechselwirkung verschiedener Wissensbereiche gewonnen.

    Beispielsweise wird man in einer Diskussion über das Rauchverbot in Berliner Gaststätten dem Diskussionsgegenstand nur gerecht, wenn ganz unterschiedliche Fachbereiche berücksichtigt werden. Eine Rolle spielen Aspekte der Biologie (Gesundheitsrisiken), der Chemie (Inhaltsstoffe), der Psychologie (Gruppendruck) aber auch der Politik (Gesetzgebung), der Erdkunde (Praxis in anderen Staaten), der Wirtschaft (Tabakindustrie) und der Mathematik (Statistik).
    Interdisziplinäres Lernen begünstigt Kooperation der Lernenden und Synergieeffekte. Das spezielle Fachwissen jedes Einzelnen ist gefragt, um die Untersuchung gemeinsamer Fragestellungen voranzubringen und neue Sichtweisen aufzuzeigen.

    Interdisziplinäres Lernen berücksichtigt auch, dass Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Vortragen, Rechnen, der Umgang mit Medien und insbesondere auch der Umgang mit dem Computer dann besonders nachhaltig gelernt werden, wenn sie sich als notwendiger Teil der Lösung eines komplexen Problems erweisen. Kulturtechniken werden auf diese Weise anwendungsbezogen und oft implizit gelernt. Ein Schüler wird beispielsweise alles daran setzen, einen englischen Text zu verstehen, wenn er in diesem notwendige Informationen zur Programmierung seines eigenen Computerprogramms vermutet.

    3. Einbeziehung außerschulischer Lernorte: Außerschulische Lernorte erweitern die praktischen Lernmöglichkeiten der Schüler. Sie bieten die Gelegenheit, das soziale, politische, kulturelle und ökologische Umfeld in die Schule zu integrieren. Außerdem steigert dies die Vielfalt der Erfahrungs- und Lernwege und bietet die Möglichkeit, lebensnah und handlungsorientiert zu lernen. Zu wichtigen außerschulischen Lernorten zählen unter anderem Bibliotheken, Museen, zoologische und botanische Gärten und Handwerks- und Wirtschaftsbetriebe. Neben Ausflügen, Besuchen und Praktika im näheren Umfeld sind – insbesondere im Hinblick auf den Fremdspracherwerb – Auslandsaufenthalte von besonderer Bedeutung. Im 12. Kinder- und Jugendbericht sprechen sich die Autoren grundsätzlich für eine stärkere Vernetzung verschiedener Bildungsorte und Lernwelten für Kinder und Jugendliche aus:

    „Ziel eines neuen öffentlich verantworteten Systems von Bildung, Betreuung und Erziehung muss es sein, die unterschiedlichen Bildungsorte und Lernwelten so miteinander zu verknüpfen, dass kulturelle, instrumentelle, soziale und personale Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen in umfassender Weise sowie lebenslagen- und altersadäquat gefördert werden.“

    4. Forschendes und praktisches Lernen: Da Lernen ein aktiver, konstruktiver Prozess ist, wird den Schülern an der Demokratischen Schule X der nötige Freiraum gegeben, eigene Fragen zu entwickeln, diesen nachzugehen und auf diese Weise forschend zu lernen.

    Die Voraussetzung für forschendes Lernen ist zunächst, dass eigene Fragen entstehen können. Schüler müssen die Gelegenheit haben, sich zu wundern, zu staunen, zu zweifeln und irritiert zu sein. Eigene Fragen entwickeln sich, wenn die Lernenden ihre mitgebrachten Vorstellungen und Alltagstheorien äußern und diese zum Ausgangspunkt des Lernprozesses machen können.

    Ebenso wichtig wie die Entwicklung der Fragen ist es, den Fragen tatsächlich nachgehen zu können. Schüler probieren hierzu verschiedene Ideen aus, verwerfen diese gegebenenfalls wieder und gelangen allmählich zu Fragen, denen sie vertieft nachgehen. In einem solchen Lernprozess korrigieren und revidieren die Schüler kontinuierlich die aus ihren Erinnerungen und Vermutungen hervorgehenden persönlichen Hypothesen und passen diese immer besser an ihre neuen Beobachtungen an. Fehler sind dabei selbstverständlicher und produktiver Bestandteil des Lernprozesses. Der Hinweis auf die Bedeutung des produktiven Umgangs mit Fehlern findet sich in einem Zitat von Schumacher.

    „Damit wir [...] komplexe Zusammenhänge verstehen können, müssen wir selber in einem Prozess von Versuch und Irrtum – entweder praktisch oder zumindest in Gedankenexperimenten – ausprobieren, welche Optionen funktionieren und welche Möglichkeiten aus bestimmten Gründen ausgeschlossen sind. Denn zum Verstehen gehört nicht nur, dass wir wissen, wie etwas funktioniert, sondern auch dass wir wissen, aus welchen Gründen es auf andere Weise eben nicht funktioniert.“

    Beim forschenden Lernen kommt es folglich darauf an, nicht einen vorgegebenen, bereits didaktisch reduzierten Stoff abzudecken, sondern die Komplexität des Wissens zu enthüllen, sie aufzudecken. Die Lernenden gehen Paradoxem und Widersprüchlichem nach, statt sich auf bestehende Antworten zu verlassen und vorgefertigte Weltbilder zu übernehmen.
    Die Demokratische Schule X sieht ihre Aufgabe auch darin, Voraussetzungen für ein hohes Maß an praktischem Lernen zu schaffen. Praktisches Lernen meint – im Gegensatz zur abstrakt-intellektuellen Wissensaneignung – sinnliches und lebenspraktisches Handeln. Praktisches Lernen zielt auf die Lebensdienlichkeit des Lernens. Die körperlichen Kräfte und Fähigkeiten sollen gemeinsam mit den geistigen, moralischen und sozialen zur Entfaltung kommen können. Durch praktisches Tun – das auch an außerschulischen Lernorten stattfindet – erfahren die Schüler, dass Lernen und soziale Wirklichkeit aufeinander bezogen sind. Sie erfahren auch, dass sie als Lernende innerhalb der gesellschaftlichen Realität bereits etwas ausrichten können. Praktisches Lernen ist in allen Fachbereichen möglich und hat meist interdisziplinären Charakter. Wird ein Schüler beispielsweise als Schulversammlungsleiter tätig, so erfordert dies sprachliche, technische, soziale und – im Rahmen der Auswertung von Abstimmungen – auch mathematische Fähigkeiten. Weitere Beispiele für praktisches Lernen sind die Herstellung von künstlerischen und kunsthandwerklichen Arbeiten in einer dafür eingerichteten Schülerwerkstatt, technische Arbeiten, wie etwa die Reparatur von technischen Geräten, die Betreuung einer Schulbibliothek, die naturwissenschaftliche Untersuchung von Gegenständen, Materialien und Stoffen in einem dafür geeigneten Schülerlabor, oder die Mithilfe bei der Planung von Festen, Exkursionen und Reisen. Denkbar ist auch ein Schulgarten, in welchem die Schüler Pflanzen aufziehen und pflegen oder Tiere halten können und Schülerfirmen, über die Dienstleistungen angeboten oder Produkte verkauft werden können.

    Praktisches Lernen begünstigt die Anschlussfähigkeit schulischen Lernens an gesellschaftliche Anforderungen im Allgemeinen und an Anforderungen der Berufswelt im Besonderen, da stets die Anwendung von Fähigkeiten und Wissen im Vordergrund steht. Hierin sieht auch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung den Zweck schulischen Lernens:

    „Schulische Bildung heute ist geprägt von der Unbestimmtheit der zukünftigen Anforderungen an die Heranwachsenden. Deshalb ist eine Auffassung vom ’Lernen auf Vorrat’ – in der Schule erwirbt man jene Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man als Erwachsene bzw. Erwachsener braucht – nicht zielführend. Die Qualität schulischen Lernens zeigt sich in der unmittelbaren praktischen Anwendbarkeit der Lernergebnisse sowie in der Fähigkeit und Bereitschaft, innerhalb und außerhalb der Schule zu lernen.“

    6.8 Orientierung und Selbsteinschätzung

    Aufgrund der wachsenden Komplexität der heutigen Wissensgesellschaft ist es für junge Menschen von entscheidender Bedeutung, sich in der Fülle von Informationen und Wissen orientieren zu können und in der Lage zu sein, sich hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse selbst einzuschätzen.

    Um den Schülern ein eigenständiges Sich-Orientieren und Sich-Einschätzen zu ermöglichen, stellt ihnen die Demokratische Schule X Kompetenzraster zur Verfügung. Die vom „Institut Beatenberg“13 (siehe Anhang) auf Grundlage des „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen“14 erstellten Kompetenzraster umfassen alle gängigen Unterrichtsfächer und können auf weitere Wissensgebiete ausgedehnt werden. Kompetenzraster treten an die Stelle herkömmlicher Lehrpläne und Zeugnisse.

    Die Kompetenzraster sind in tabellarischer Form konzipiert und enthalten Inhalte der jeweiligen Fachbereiche. Die Fachbereiche sind in inhaltliche Untergruppen gegliedert (z. B. Geometrie in Mathematik) und systematisch aufgearbeitet, so dass Schüler bestimmte Inhalte in den Gesamtzusammenhang des jeweiligen Fachbereichs einordnen können. Anhand der Übersicht ist es ihnen möglich, selbst Bereiche zu wählen und sich selbst Ziele zu setzen. Die Bearbeitung der Bereiche erfolgt im eigenen Lerntempo, -stil und -rhythmus. Den Schülern stehen dabei die Hilfe von Fachlehrern und Mentoren und alle in der Schule vorhandenen Medien und Materialien zur Verfügung. Schüler können das auf informellem Wege, also ohne direkten Bezug auf Kompetenzraster, erworbene Wissen mit den Kompetenzrastern abgleichen und so feststellen, was sie noch alles lernen können.

    Die Kompetenzraster beinhalten für jede inhaltliche Untergruppe eines Fachs aufeinander aufgebaute Kompetenzstufen. Die Darstellung der Kompetenzen in vier bis acht verschiedenen Abstufungen ist übersichtlich und anschaulich, so dass die Schüler ihre eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse mit den Schwierigkeits- und Komplexitätsabstufungen im jeweiligen Kompetenzraster in Beziehung bringen und sich selbst im Rahmen des Rasters einstufen können. Die Kompetenzen sind konkret und in einer die Schüler ansprechenden Weise formuliert, das heißt mit affirmativen Formulierungen wie „Ich kann …“, „Ich weiß …“. Fachlehrer und Mentoren unterstützen die Schüler bei der Anwendung der Kompetenzraster. Sie erklären deren Aufbau und Funktionsweise, so dass eine selbstgesteuerte und selbstregulierte Anwendung möglich wird.
    Kompetenzraster ermöglichen eine differenzierte Lern- und Leistungsbeurteilung, da anhand der abgebildeten Kompetenzstufen die Lernfortschritte und Kompetenzzuwächse jedes Schülers individuell beurteilt werden können.

    6.9 Lernförderung

    Die Demokratische Schule X stimmt mit dem Ziel der Gemeinschaftsschule überein, die Schüler individuell zu fördern. Die personelle und räumliche Ausstattung der Demokratischen Schule X erlaubt eine weitreichende „Unterstützung individueller Lernwege [...] mit dem Ziel persönlicher Spitzenleistung für alle Schülerinnen und Schüler“15, wie es in den von der Senatsverwaltung veröffentlichten Grundlagen für die Pilotphase der Gemeinschaftsschule formuliert ist.
    Lernförderung ist integrativer Bestandteil der dargelegten Lernkultur. Die Lernförderung macht sich bewusst nicht an Defiziten hinsichtlich jahrgangsspezifischer Wissens- und Kompetenzniveaus fest, sondern setzt am individuellen Lernprozess und Lernziel des Schülers an. Die Lernbegleiter an der Demokratischen Schule X unterstützen und fördern die Schüler im Wesentlichen durch folgende Maßnahmen:

  • Herstellen der organisatorischen Voraussetzungen für eine förderliche Lernatmosphäre (durch demokratische Organisation der Schule und Zugrundelegung rechtsstaatlicher Prinzipien),
  • persönliche Begleitung der Schüler durch Mentoren,
  • Beratung der Schüler hinsichtlich der Planung von Lernprozessen,
  • Einführung in den Umgang mit Kompetenzrastern und Rahmenlehrplänen,
  • Gemeinsames Entwickeln von Wissens- und Kompetenzhorizonten, die an den Lernprozessen und Lernzielen der Schüler ansetzen,
  • Auswählen und Zur-Verfügung-Stellen geeigneter Lernmethoden und Lernmaterialien.Die Beratung und Förderung der Schüler findet insbesondere hinsichtlich des Erreichens eines Schulabschlusses statt.
    Eine Jahrgangsstufenwiederholung ist grundsätzlich nicht vorgesehen. Auf Wunsch des Schülers und seiner Eltern ist eine Wiederholung jedoch ausnahmsweise möglich, wenn der Schüler diese für die Vorbereitung auf den MSA oder in Zusammenhang mit dem Wechsel auf eine andere Schule benötigen sollte.

    6.10 Schulabschlüsse und Schulwechsel

    Die Demokratische Schule X bietet die Möglichkeit, sich auf den Mittleren Schulabschluss und – soweit dies von Schülern beabsichtigt ist – auf den Übergang an Schulen mit gymnasialer Oberstufe vorzubereiten. Bis zur staatlichen Anerkennung ist die Demokratische Schule X nicht berechtigt, Schulabschlüsse zu vergeben. Der Mittlere Schulabschluss wird folglich extern durch Nicht-Schülerprüfungen erworben.

    Ist der vorzeitige Wechsel an eine andere Schule beabsichtigt, so werden Schüler in diesem Vorhaben unterstützt und in Abstimmung mit der neuen Schule auf den Schulwechsel vorbereitet.

    Beim Übergang auf eine andere Schule wird ein Zeugnis erstellt, das in seiner Form den Anforderungen der aufnehmenden Schule entspricht (ggf. ein Noten-Zeugnis).