Lerntheoretische Erkenntnisse

Ziel der Demokratischen Schule X ist es, Ort und Ausgangspunkt effektiven und nachhaltigen Lernens zu sein. Um das Lernen der Schüler bestmöglich zu unterstützen und zur Entfaltung kommen zu lassen, werden lerntheoretische Erkenntnisse aus den Bereichen der Lernpsychologie und der Neurobiologie herangezogen, die aufzeigen, welche Voraussetzungen effektives und nachhaltiges Lernen begünstigen. Die Erkenntnisse der genannten Wissenschaftsdisziplinen sind richtungsweisend für die Konzeption heutiger Schulen.

„[...] zukunftsorientierte Unterrichtskonzepte und Lernformen leiten sich aus neueren Erkenntnissen über das Lernen ab. Unser Wissen über die Vorgänge beim Lernen wird aufgrund kognitionspsychologischer und neurobiologischer Forschung sowie konstruktivistisch orientierter Unterrichtsforschung immer differenzierter. Zu den neuen Ansätzen, die ihren Niederschlag in aktuellen Rahmenlehrplänen finden, gehört:
- Lernen ist ein individueller Vorgang
- Lernen ist eine Aktivität des Lernenden
- Lernen ist mit dem Lösen lebensbedeutsamer Probleme verknüpft
- beim Lernen nutzen Lernende Vorwissen, Erfahrungen, Einstellungen zum Entschlüsseln neuer Informationen
- Lernen erfolgt selbstgesteuert“.1

5.1 Lernen und Individualität

Ausgehend von Forschungsergebnissen der Neurobiologie setzt sich im lerntheoretischen Diskurs immer mehr die Erkenntnis durch, dass Lernen ein konstruktiver Akt der Bedeutungserzeugung ist.2 Dieser Erklärungsansatz löst die Vorstellung ab, Lernen bedürfe stets des Mittels der Instruktion. Roth schreibt hierzu:

„Der Kern einer neurobiologisch-konstruktivistischen Lehr- und Lerntheorie besteht in der Einsicht, dass Wissen nicht übertragen werden kann, sondern im Gehirn eines jeden Lernenden neu geschaffen werden muss. Lernen ist also ein aktiver Prozess der Bedeutungserzeugung. Dieser Prozess wird durch Faktoren gesteuert, die überwiegend unbewusst wirken und deshalb schwer beeinflussbar sind. [...] Ein guter Lehrer kann den Lernerfolg nicht direkt erzwingen, sondern günstigstenfalls die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Lernen erfolgreich abläuft.“

Die individuellen Voraussetzungen der Schüler im Lernprozess müssen demnach entsprechend beachtet werden. Es sollten also günstige Ausgangsbedingungen dafür geschaffen werden, dass jeder möglichst in seinem eigenen Lerntempo und seinem persönlichen Lernstil entsprechend lernen kann.

Erkenntnisse aus dem Bereich der Neurobiologie verdeutlichen ebenfalls, dass neue und bereits verarbeitete Eindrücke im Gehirn des Lernenden dann am erfolgreichsten vernetzt, und Erfahrungen dann am besten miteinander in Beziehung gebracht werden können, wenn die neuen Eindrücke und Erfahrungen für den Lernenden sinnvoll, relevant und bedeutsam sind. Schirp fasst diesen Tatbestand in folgendem Zitat zusammen:

„Wir lernen und behalten eigentlich auch nur das, was Sinn ergibt, was wichtig für uns ist und was Bedeutung für uns hat.“

Erfolgreich kann Lernen folglich nur sein, wenn es interessegesteuert ist und wenn es in für den Lernenden authentischen Kontexten stattfindet – wenn also der Lernende einen engen Bezug zu dem Lerngegenstand hat. Mit der Frage, ob Schule ihre Absolventen ausreichend auf die Herausforderungen der Gesellschaft vorbereitet, weisen Gerstenmeier und Mandl auf häufige Kritikpunkte an klassisch schulischem Lernen hin:

„Kritisiert wird vor allem die Art, in der Wissenserwerb in der Schule gefördert wird sowie der unzureichende Anwendungsbezug des gelehrten und gelernten Wissens. ,Träges’ Wissen ist die Folge: Wissen, das nicht zur Anwendung kommt, das in bestehendes Vorwissen nicht integriert wird und zu wenig vernetzt und damit zusammenhangslos ist. Als Ursache dieser für das Lehren und Lernen zentralen Probleme identifizieren fast alle Kritiker die fehlende Einbettung des Lernens in authentische Kontexte. Sie betonen die Notwendigkeit, den Erwerb von Wissen in dem Kontext zu verankern, der ihm seine Bedeutung verleiht. Gefördert werden soll aktives und selbstreguliertes Lernen in authentischen Kontexten [...].“

Die genannten Erkenntnisse bestätigen die Demokratische Schule X in ihrer Absicht, Selbststeuerung und Selbstregulierung der Lernprozesse seitens der Schüler ernst zu nehmen. Dies bedeutet, dass Curricula, Lernmethoden und verschiedene Lernformen derart auf Lernprozesse einwirken sollen, dass die Schüler sie als Hilfsmittel im Rahmen ihrer eigenen Lernwege erfahren. Wie sich dies auf die Schulpraxis auswirkt, wird im Kapitel „Lernkultur an der Demokratischen Schule X“ beschrieben.

5.2 Lernen und Motivation

Es ist weitgehend anerkannt, dass gelingendes Lernen wesentlich von der Motivation des Lernenden abhängt. Die im Folgenden vorgestellten motivationstheoretischen Grundlagen unterstreichen die Bedeutung von Selbststeuerung und Selbstregulierung im Lernprozess.

In der Motivationspsychologie unterscheidet man grundsätzlich zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation, also zwischen Handlungen, die um ihrer selbst willen ausgeführt werden und Handlungen, die einer von außen induzierten Motivation unterliegen.7 Diese Unterscheidung zwischen intrinsisch (d. h. durch Neugier, Interesse, Freude, Drang etwas zu vollenden, etc.) und extrinsisch (d. h. durch Bewertung, Bestrafung, Lob, Anerkennung, Geld, etc.) motivierten Handlungen ist für das schulische Lernen bedeutsam, da die Qualität des Lernens entscheidend von der Art der Motivation abhängt. Im Grundlagenband Psychologie von Maderthaner findet sich hierzu folgende Anmerkung:

„Sowohl die Qualität von Leistungen als auch die Ausdauer steigen im Allgemeinen bei intrinsischer Motivation.“

Eine neuere Motivationstheorie, die von dem Konstrukt intrinsischer und extrinsischer Motivation ausgeht, ist die Self-Determination-Theory (SDT) von Ryan und Deci.9 Sie unterscheidet drei Arten psychologischer Grundbedürfnisse (oder auch Wachstumsbedürfnisse), die, wenn sie befriedigt werden, zu Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen beitragen. Diese Grundbedürfnisse sind
- Kompetenz, d. h. effizientes und wirksames Handeln
- Autonomie, d. h. das Verlangen, aus freien Stücken handeln zu können
- Verbundenheit, d. h. der Wunsch, die Zuneigung und Fürsorge anderer zu erfahren.
Nach Ryan und Deci lösen Tätigkeiten insbesondere dann intrinsische Motivation aus, wenn die agierende Person sich weitgehend selbstbestimmt und autonom fühlt. Selbstbestimmtes Handeln führt demnach maßgeblich zu intrinsisch motiviertem Handeln, d. h. dem Verfolgen innerer Ziele, wie z. B. Zufriedenheit und Spaß bei der Erfüllung einer Arbeit. Damit steigert selbstbestimmtes Handeln maßgeblich nachhaltiges und effektives Lernen.
Wegen der Abhängigkeit von äußeren Zielen ist extrinsisch motiviertes Handeln eigentlich nicht autonom. Die SDT geht jedoch davon aus, dass Aktivitäten in unterschiedlichem Maße von externen Zielen abhängig sein können und unterscheidet dieses Verhalten entsprechend. Über die Verinnerlichung externer Ziele lässt sich so auch ein Zustand erklären, in dem autonom motiviertes extrinsisches Handeln möglich ist. Ryan und Deci haben festgestellt, dass extrinsische Motivation eine vorhandene intrinsische Motivation verdrängen kann. Folgende Anekdote veranschaulicht einen solchen Verdrängungsprozess:

„Ein Mann fühlte sich durch den Lärm von Kindern gestört, die jeden Nachmittag vor seinem Fenster spielten. Seine Frau hatte sie gebeten aufzuhören – ohne Erfolg. Also schmiedete er einen Plan. Eines Tages ging er nach draußen und sagte den Kindern: ,Ich liebe die Geräusche eurer Freude an euren Spielen. Jeden Tag, an dem ihr kommt und in meinem Hof spielt, gebe ich euch fünf Dollar.’ Ein paar Wochen lang gab er den Kindern also die fünf Dollar. Dann aber teilte er ihnen mit: ,Es tut mir leid, aber ich kann es mir nicht mehr leisten, euch zu bezahlen.’ Daraufhin hörten die Kinder ganz auf, vor seinem Haus zu spielen.“

Die beschriebenen Eigenschaften von intrinsischer und extrinsischer Motivation gelten nicht nur im Zusammenhang mit selbstbestimmtem Handeln, sondern ebenso mit selbstbestimmtem, d. h. selbstgesteuertem und selbstreguliertem Lernen.

5.3 Lernen und Emotionen

In diesem Kapitel wird aus neurobiologischer Sicht dargestellt, wie sich Emotionen auf das Lernen und auf das Gedächtnis auswirken.

Zu Lernendes wird durch das menschliche Gehirn bewertet. Dies geschieht durch das limbische System. Nach Roth „[...] vermittelt [das limbische System] Affekte, Gefühle und Motivation und ist auf diese Weise einer der Hauptkontrolleure des Lernerfolgs“10. Wird zu Lernendes mit Freude beziehungsweise mit positiven emotionalen Erfahrungen in Verbindung gebracht, wird es vom Hippocampus abgespeichert. In negativem Kontext Gelerntes hingegen wird im Mandelkern in Erinnerung behalten.

Die positive Besetzung des Gelernten ist so wichtig, da der Hippocampus Ort des bewusstseinsfähigen Gedächtnisses ist. D. h., aus dem Hippocampus gehen Erinnerungen hervor, die als Grundlage für die angestrebte bewusste, kreative Wissenserweiterung und Problemlösung dienen.

Der Mandelkern hingegen ist der Bereich des menschlichen Gehirns, der nach heutigem Wissensstand vor allem für Flucht und Abwehrreaktionen zuständig ist. Erinnert man sich an im Mandelkern Abgespeichertes, werden Angst und die entsprechenden körperlichen Reaktionen mobilisiert. Nach Spitzer könne Angst kurzfristig das Einspeichern von Inhalten und das rasche Ausführen einfacher gelernter Reaktionen fördern.11 Angst verhindert jedoch kreatives Denken und Handeln.

Hirnforscher weisen darauf hin, dass Freude und Lust am Lernprozess selbstverstärkend wirken. Günstigstenfalls entsteht ein sogenanntes Flow-Erlebnis, das über die erfolgreiche Bewältigung von Problemen und Aufgaben zu mehr Selbstvertrauen und zu anhaltender Lust am Lernen führt. Hüther beschreibt das Flow-Erlebnis anhand eines Beispiels von Kindern, die nach dem ersten geglückten Sprung ins Wasser immer wieder springen wollen. Er weist darauf hin, dass dies ein natürlicher Lernzyklus ist, mit dem alle Menschen auf die Welt kommen und den es zu bewahren gilt.

Denn auf der anderen Seite können auch sich negativ verstärkende Kreisläufe entstehen. Fühlen sich Lernende über- oder unterfordert oder machen sie die Erfahrung, dass persönliche Erwartungen und Gefühle im Lernprozess keine Berücksichtigung finden, führt dies zu psychischer Belastung, zu Angst und Stressreaktionen. Psychische Belastung kann die Bewältigung von Anforderungen erschweren oder gar verhindern, zu negativen Erwartungshaltungen führen und Vermeidungsstrategien nach sich ziehen.

Die Demokratische Schule X sieht eine wesentliche Aufgabe darin, Bedingungen zu schaffen, die Lernen mit Freude aufrechterhalten beziehungsweise in Gang bringen und Ängste und andere psychische Belastungen minimieren.

5.4 Lernen und menschliche Beziehungen

Erkenntnisse der modernen Hirnforschung geben Anlass dazu, das heute vorherrschende, von Konkurrenz und Kampf ums Überleben ausgehende Menschenbild zu relativieren und den Menschen stärker als kooperierendes Wesen zu begreifen. Bauer weist darauf hin, dass soziale Anerkennung und persönliche Wertschätzung grundsätzliche Antriebsmotive für alle Formen menschlichen sozialen Zusammenwirkens sind. Er schreibt hierzu:

„Alle Ziele, die wir im Rahmen unseres normalen Alltags verfolgen, die Ausbildung oder den Beruf betreffend, finanzielle Ziele, Anschaffungen etc., haben aus der Sicht unseres Gehirns ihren tiefen, uns meist unbewussten ,Sinn’ dadurch, dass wir damit letztlich auf zwischenmenschliche Beziehungen zielen, das heißt, diese erwerben oder erhalten wollen. Das Bemühen des Menschen als Person gesehen zu werden, steht noch über dem, was landläufig als Selbsterhaltungstrieb bezeichnet wird.“

Bezieht man diese Grundannahme auf menschliches Lernen im Allgemeinen und schulisches Lernen im Besonderen, wird die Bedeutung gelingender Beziehungen der im Lernprozess interagierenden Personen deutlich. Aus der Hirnforschung weiß man, dass bei positiver Art von Zuwendung sich im Körper selbst bildende Motivationsbotenstoffe, wie Dopamin, körpereigene Opioide und Oxytozin, ausgeschüttet werden, die das Motivationssystem des Gehirns veranlassen, dass der Mensch gerne und erfolgreich lernt. Hüther bringt den hohen Stellenwert gelingender menschlicher Beziehungen in folgendem Leitsatz zum Ausdruck:

„Alles das, was dazu führt, dass sich die Beziehungsfähigkeit von Menschen verbessert, ist gut fürs Hirn und gut für die Gemeinschaft, in der diese Menschen leben. Alles, was die Beziehungsfähigkeit von Menschen einschränkt und unterbindet, unterminiert, ist schlecht fürs Hirn und für die Gemeinschaft.“

Für die Lernkultur der Demokratischen Schule X bedeutet dies, der positiven Beziehungsgestaltung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Struktur der Schule soll in besonderem Maße Raum für Begegnung auf persönlicher Ebene und Raum für Auseinandersetzung mit zwischenmenschlichen „Störungen“ gewährleisten.